Unser Leitbild - der Pädagoge Janusz Korczak

Korczaks pädagogisches Denken und Handeln geht von der Einmaligkeit und Würde des Kindes, das schon Mensch ist und nicht erst zum Menschen erzogen werden muss, aus. Dieser Gedanke war seit der Aufklärung als Anspruch zwar auch vertreten, aber unzureichend eingelöst oder vernachlässigt worden. Korczak wendet sich gegen die vorherrschende Meinung, “das Kind sei noch nichts, sondern es werde erst etwas, es wisse noch nichts, sondern es werde erst etwas wissen, es könne noch nichts, sondern es werde erst etwas können” (Korczak 1967, 44).

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Indem Korczak vom Sein - statt vom Werden - des Kindes ausgeht, relativiert er die physischen und geistigen Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen und lehnt den - auch in der neuzeitlichen Pädagogik - aus der Kleinheit, Unwissenheit und materielle Abhängigkeit des Kindes abgeleiteten Überlegenheitsanspruch des Erwachsenen ab. Damit behauptet Korczak  nicht  etwa eine Gleichartigkeit,  sondern betont  die Gleichwertigkeit iim Generationenverhältnis. Die Unterschiede zwischen Kind und Erwachsenen werden auf die Differenz an Wissen und Erfahrung reduziert. Das hat Folgen für das Verhältnis von Erziehung und die erzieherische Praxis, die bei Korczak im “Recht des Kindes auf Achtung” Ausdruck findet.
Achtung kann als zentrale Kategorie in Korczaks Denken verstanden werden. Sie ist die Basis seines verblüffend einfach und zugleich provozierend formulierten Grundgesetz für das Kind.
Ich fordere die Magna Charta Libertalis als ein Grundgesetz für das Kind.  Vielleicht gibt es noch andere - aber diese drei Grundsätze habe ich herausgefunden:
               Das Recht des Kindes auf seinen Tod.
               Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag.
               Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist” (Korczak 1967,40)

Dieses Grundgesetz will keiner Verrechtlichung der Erziehung das Wort reden. Es richtet den Blick auf die Eigenart kindlichen Denkens, Fühlens und Handelns und auf das Ziel der Erziehung und die Aufgaben des Erziehers, “das Kind leben lassen und ihm zu dem Recht verhelfen, Kind zu sein”. (Korczak 1970a,35)
Korczaks Feststellung, “aus Furcht, der Tod könnte uns das Kind entreissen, entziehen wir es dem Leben” (Korczak 1967,44), ist kein Plädoyer für Sorglosigkeit oder gar antipädagogische Erwachsenenhaltung, sie ist zugespitzt Kritik an der Verfügungsgewalt der Erwachsenen über das kindliche Leben.
Das Kind “dem Leben entziehen” meint bei Korczak beides: es an Achtung und Vertrauen fehlen lassen und dem Kind das “Recht auf den heutigen Tag”, auf seine Gegenwart, vorzuenthalten. “Um der Zukunft willen wird gering geachtet, was es heute erfreut, traurig macht, in Erstaunen versetzt, ärgert und interessiert. Für dieses Morgen, das es weder versteht, noch verstehen braucht, betrügt man es um viele Lebensjahre” (Korczak 1967,45). ...
Erziehungsmethoden entstehen für Korczak aus der Arbeit mit “spezifisch gearteten Kindern” und unter bestimmten Umständen. Darum können Erzieher auch nur - wenn überhaupt - von seiner  Methode sprechen. Damit ist keine subjektive Beliebigkeit gemeint. Korczak verlangt vom Erzieher sorgfältige Prüfung und Begründung seines Vorgehens wobei dieser sich bewusst sein muss, das seine methodische Auffassung nie allgemein und zeitlos gültig sein kann. Sie sind das immer nur vorä¤ufige Ergebnis seines “forschenden Suchens”, um dem Kind mit seinen “beachtenswerten Eigenschaften” näher zu kommen. Nur unter diesen Bedingungen ist es für Korczak berechtigt, “Mutmassungen anzustellen oder Voraussetzungen zu treffen, was aus dem Kind werden wird” (Korczak 1967,22bf). Die Achtung vor dem Kind - so wie sie ist - ist für Korczak das Kriterium auch der methodischen Reflexion.
Beobachtung, forschendes Suchen, Annäherung als methodisches Verfahren sind kennzeichnend für Korczaks  pädagogischen  Umgang mit Kindern. Sie sind die Konsequenz aus der Feststellung, dass die Erwachsenen/die Erzieher “das Kind nicht kennen”, Vorurteile und “sentimentale Ansichten” über es pflegen (Korczak 1967,156). Darum bleibt nur der Weg des beständigen Suchens, das allerdings eine zweifache Richtung haben muss: das Kind und den Erzieher selbst. “Erkenne dich selbst, bevor du Kinder zu erkennen trachtest” (Korczak 1967,156), ist mehr als Aufforderung zu permanenter Vervollkommnung des Erziehers, die seinen geistigen und moralischen Überlegenheitsanspruch unterstützen könnte. Dieses “Erkenne dich selbst, bevor du Kinder zu erkennen trachtest” ist von Korczak auch nicht als zeitliche Abfolge gemeint: Der reife, wissende Erwachsene erzieht und belehrt das unreife, unwissende Kind. Reife ist für Korczak keine Frage des Alters. Es geht ihm um die Bereitschaft und Fähigkeit, die Andersartigkeit des kindlichen Seins als dem Erwachsenen gleichwertig zu erkennen, denn “es gibt keine Kinder an sich - es sind Menschen; aber mit einer anderen Begriffsskala, einem anderen Erfahrungsschatz, anderen Trieben und anderen Gefühlsreaktionen” (Korczak 1967,156) ... “Leg die Rechenschaft darüber ab, wo deine Fähigkeiten liegen, bevor du damit beginnst, Kindern den Bereich ihrer Rechte und Pflichten abzustecken. Unter ihnen allein bist Du selbst ein Kind, das du zunächst einmal erkennen, erziehen und ausbilden musst.” (Korczak 156,157)

Evangelische Kinder- und Jugendhilfe